Kantorei Hamborn

Geistliche Chormusik von Bach bis Brahms – Das Repertoire der Kantorei

Wer einmal erlebt hat, wie ein Kirchenchor gemeinsam ein Werk von Johann Sebastian Bach anstimmt, versteht sofort, warum geistliche Chormusik seit Jahrhunderten zu den bewegendsten Ausdrucksformen menschlicher Spiritualität zählt. Die Kantorei der Friedenskirche Hamborn hat über die Jahrzehnte ein Repertoire aufgebaut, das genau diese Tiefe widerspiegelt – von der strengen Kontrapunktik des Barock bis zur warmblütigen Romantik des 19. Jahrhunderts.

Bach: Das Fundament geistlicher Chormusik

Kaum ein Name ist so untrennbar mit dem Begriff der Kirchenmusik verbunden wie der von Johann Sebastian Bach. Seine geistlichen Kantaten bilden für viele Kirchenchöre den zentralen Kern des Repertoires. Während seiner Zeit als Thomaskantor in Leipzig schrieb Bach nahezu einen vollständigen Jahrgang Kantaten – Woche für Woche eine neue Komposition für den Sonntagsgottesdienst. Insgesamt sind rund 200 geistliche Kantaten überliefert, jede ein eigenständiges musikalisches Kunstwerk.

Was eine Kantate Bach für einen Kirchenchor bedeutet, lässt sich kaum in wenigen Zeilen beschreiben. Eingängige Choräle wechseln sich mit anspruchsvollen Chorfugen ab, Arien für Solisten treten neben vielstimmige Chorsätze. Werke wie „Wachet auf, ruft uns die Stimme" (BWV 140) oder „Jesu, der du meine Seele" (BWV 78) verbinden theologische Tiefe mit musikantischer Lebendigkeit auf eine Weise, die bis heute keine Parallele hat. Laut de.wikipedia.org/wiki/Bachkantate entstanden Bachs Kantaten dabei stets im engen Zusammenhang mit dem liturgischen Kalender des evangelischen Kirchenjahrs.

Neben den Kantaten gehören auch Bachs Motetten – allen voran „Singet dem Herrn ein neues Lied" – zu den Grundpfeilern eines ernsten Kirchenchorrepertoires. Sie stellen hohe Anforderungen an Intonation und rhythmische Präzision, bieten dem Ensemble dafür aber unvergessliche musikalische Momente.

Georg Friedrich Händel und das Oratorium

Parallel zu Bach entwickelte Georg Friedrich Händel eine ganz eigene Form geistlicher Großmusik: das englischsprachige Oratorium. Sein „Messiah" aus dem Jahr 1741 ist wohl das meistaufgeführte Chorwerk der westlichen Musikgeschichte. Für einen Kirchenchor im Ruhrgebiet bietet der Messiah alles, was ein Konzertprogramm braucht: dramatische Chorfugen, innige Arien und natürlich den berühmten Hallelujah-Chor, bei dem das Publikum traditionell aufsteht.

Händels Musik ist direkter, theatralischer als die seines Zeitgenossen Bach – und deswegen bei Konzertbesuchern oft unmittelbar zugänglich. Für einen Kirchenchor wie die Kantorei Hamborn bedeutet das: Das Konzert reicht tief ins Publikum hinein.

Mendelssohn Bartholdy: Die Romantik kommt in die Kirche

Mit Felix Mendelssohn Bartholdy tritt ein Komponist ins Bild, der für viele Kirchenchöre des 19. und 20. Jahrhunderts zum absoluten Mittelpunkt des Repertoires wurde. Sein Oratorium „Elias", op. 70, uraufgeführt 1846 in Birmingham, ist bis heute eines der am häufigsten gespielten Chorwerke überhaupt.

Das Besondere am Elias: Der Chor ist kein dekoratives Beiwerk, sondern dramatisch aktiver Protagonist. Als das Volk Israel, als Baals-Priester, als Engelschor kommentiert und gestaltet er die Handlung mit. Chor und Solisten sind gleichermaßen gefordert; die Musik verbindet bachsche Polyphonie mit dem romantischen Gestus des 19. Jahrhunderts. Wer „Wehe ihm, er muß sterben" zum ersten Mal chorisch erlebt, vergisst es nicht.

Neben dem Elias sind Mendelssohns Motetten und sein ebenfalls bedeutendes Oratorium „Paulus" für Kirchenchöre ständige Begleiter im Konzertjahr.

Johannes Brahms: Trost und Ernst

Johannes Brahms ist kein Kirchenkomponist im engeren Sinne – und doch hat er mit „Ein deutsches Requiem" eines der ergreifendsten Werke geistlicher Chormusik überhaupt geschaffen. Anders als das lateinische Requiem der katholischen Tradition wählte Brahms selbst Texte aus der Lutherbibel aus, die nicht dem Totengedenken im liturgischen Sinne, sondern dem menschlichen Trost und der Hoffnung gewidmet sind.

Ein deutsches Requiem" ist ein monumentales Werk: sieben Sätze für Chor, Orchester und Solopartien, uraufgeführt 1868 im Bremer Dom. Die zweite Chorfuge „Denn alles Fleisch ist wie Gras" allein stellt höchste Anforderungen an Ausdauer, Intonation und dynamisches Gespür. Doch die Mühe lohnt sich: Wenige andere Werke berühren Sängerinnen, Sänger und Publikum gleichermaßen so tief.

Brahms' kürzere geistliche Chorwerke – etwa die „Vier ernste Gesänge" oder die A-cappella-Motetten – sind im Kirchenchor-Repertoire ebenfalls verbreitet und fügen sich gut in liturgische Kontexte ein.

Romantische Ergänzungen: Schütz, Schumann, Reger

Das Repertoire eines gut aufgestellten Kirchenchores reicht freilich über diese kanonischen Namen hinaus. Heinrich Schütz, der Vater der deutschen Kirchenmusik, bildet mit seinen Kleinen geistlichen Konzerten die Brücke vom Renaissance- zum Barockstil. Robert Schumann und Max Reger haben im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert die geistliche Chormusik um wichtige Werke bereichert, die zwar seltener auf Konzertprogrammen stehen, aber den Klang eines Ensembles nachhaltig formen.

Kirchenmusik als Gemeinschaftsaufgabe

Eines verbindet all diese Werke – von der Bachkantate bis zum Brahms-Requiem: Sie sind nur als gemeinschaftliche Leistung möglich. Kein Solist und keine Dirigentin können geistliche Chormusik allein verwirklichen. Es braucht Dutzende Stimmen, die sich aufeinander einlassen, die hören, atmen und phrasieren lernen.

Der Chorverband in der Evangelischen Kirche in Deutschland zählt bundesweit fast 15.000 evangelische Chöre mit rund 260.000 Sängerinnen und Sängern – ein Beleg dafür, wie lebendig diese Tradition bis heute ist. Auch die Evangelische Kirche in Deutschland betont Kirchenmusik als wesentlichen Bestandteil des Gemeindelebens – nicht nur als kulturelles Angebot, sondern als gelebte Spiritualität.

Die Kantorei Hamborn war genau das: ein Ort, wo Menschen zusammenkamen, um Großes zu wagen. Wo die Musik von Bach und Brahms aus alten Notenseiten wieder lebendig wurde – im Kirchenraum der Friedenskirche, auf der Konzertbühne, bei der Nacht der Chöre. Das Repertoire war nie Selbstzweck, sondern immer auch Einladung: zum Zuhören, zum Mitsingen, zum gemeinsamen Staunen.