Kantorei Hamborn

Geschichte der Friedenskirche Hamborn und ihrer Kantorei

Wer heute durch die Straßen von Duisburg-Hamborn spaziert, spürt noch immer den Atem einer bewegten Vergangenheit. Zwischen Stahlwerk-Silhouetten und gründerzeitlichen Fassaden erhebt sich die Friedenskirche als stiller Zeuge einer Epoche radikalen Wandels – und mit ihr eine Chorgemeinschaft, die über mehr als ein Jahrhundert hinweg das musikalische Leben der Gemeinde prägte.

Hamborn: Vom Bauerndorf zur Großstadt

Um die Geschichte der Friedenskirche Hamborn zu verstehen, muss man zunächst begreifen, wie außerordentlich der Wandel war, den dieser Ort erlebt hat. Bis weit in das 19. Jahrhundert hinein war Hamborn ein beschauliches Bauerndorf mit kaum 600 Einwohnern. Dann kamen Kohle und Stahl.

Mit der Aufnahme der Kohleförderung durch die Gewerkschaft Deutscher Kaiser im Jahr 1876 und dem Aufstieg der August-Thyssen-Hütte begann eine Entwicklung, die ihresgleichen sucht: Zwischen 1871 und 1900 wuchs die Bevölkerung auf 28.000 Menschen – und bis 1911 hatte Hamborn die Marke von 100.000 Einwohnern überschritten und erhielt in jenem Jahr die Stadtrechte. Aus einem kleinen Dorf war in weniger als zwei Generationen eine pulsierende Industriegroßstadt geworden.

Dieses rasante Wachstum stellte die junge evangelische Gemeinde vor enorme Herausforderungen. Arbeiter und ihre Familien strömten aus allen Teilen Deutschlands in den Ruhrpott – Menschen, die eine geistliche Heimat suchten, Gemeinschaft und Halt inmitten des industriellen Treibens. Die Kirche war gefragt.

Die Gründung der Friedenskirche

1893 konstituierte sich die Evangelische Kirchengemeinde Hamborn. Was folgte, war ein kleines wirtschaftliches Wunder: Bei einem Jahreshaushalt von gerade einmal 3.500 Mark schaffte die junge Gemeinde es, die Mittel für einen Kirchenbau aufzubringen, dessen Gesamtkosten sich auf 117.000 Mark beliefen.

Am 31. Oktober 1895 – bewusst gewählt als Reformationstag – erfolgte die Grundsteinlegung. Die Baupläne stammten vom Berliner Architekten Doflein, und die Innenarchitektur spiegelte die preußisch-protestantische Kirchbautheologie des 19. Jahrhunderts wider: sachlich, würdevoll, auf das Wesentliche konzentriert. Am 22. Juli 1897, keine zwei Jahre nach Baubeginn, war das Gotteshaus vollendet und wurde feierlich eingeweiht.

Einen besonderen Klang erhielt die Kirche durch ihre Orgel, die von der renommierten Orgelbaufirma Wilhelm Sauer aus Frankfurt/Oder gefertigt wurde – ein Instrument, das die gottesdienstliche Musik der Gemeinde für Jahrzehnte tragen sollte.

Mehr zur Baugeschichte und Architektur der Kirche findet sich im Eintrag der Friedenskirche (Duisburg) auf Wikipedia, der die wichtigsten Etappen der Kirchengeschichte zusammenfasst.

Die Kantorei: Entstehung eines musikalischen Herzens

Eine Kirche braucht Musik. Doch eine eigene Kantorei – im Sinne eines festen, musikalisch ambitionierten Chores – entstand an der Friedenskirche erst 1917, mitten im Ersten Weltkrieg. Die Gründung eines gemischten Chores unter Einbeziehung von Frauen war für die damalige Zeit ein mutiger Schritt, und der Zuspruch war bemerkenswert: Die Chorgemeinschaft wuchs rasch auf 70 aktive und 45 passive Mitglieder heran.

Der Begriff Kantorei hat im deutschen Protestantismus eine lange Tradition, die bis in die Zeit der Reformation zurückreicht. Im Zuge der kirchenmusikalischen Erneuerungsbewegung des 20. Jahrhunderts erlebte das Kantorei-Ideal eine Renaissance – ein Aufbruch, von dem auch die Hamborner Gemeinde erfasst wurde.

Karl-Heinz Grapentin und das goldene Zeitalter

Ein entscheidender Einschnitt in der Kantorei-Geschichte Duisburgs kam im Jahr 1953: Mit Karl-Heinz Grapentin trat erstmals ein hauptamtlicher Kantor seinen Dienst an der Friedenskirche an. Grapentin, ein A-Kirchenmusiker mit Abschluss an der Kölner Musikhochschule, brachte eine neue musikalische Vision mit.

Er entstammte einer Generation von Kirchenmusikern, die bewusst an das Kantoreiideal des Barock anknüpfte und dieses mit hohem handwerklichem Anspruch in die Gegenwart überführte. Unter seiner Leitung erarbeitete der Chor bedeutende Teile des Bach'schen Kantatenwerkes und führte Werke von Heinrich Schütz auf – darunter dessen „Weihnachtshistorie" mit historischen Instrumenten, eine damals noch keineswegs selbstverständliche Praxis.

Zur Adventszeit organisierten die Sängerinnen und Sänger regelmäßig das sogenannte „Quempassingen", eine alte Tradition des adventlichen Singens, die in der Gemeinde großen Anklang fand. Die Kirchenmusik war damit nicht länger nur liturgische Begleitung, sondern kulturelles Ereignis und identitätsstiftendes Herzstück der Gemeinde.

Über die Gemeinde hinaus

Was die Kantorei der Friedenskirche mit der Zeit auszeichnete, war ihre Offenheit. Längst war sie kein reiner Gemeinschaftschor mehr, dessen Mitglieder ausschließlich der Hambornener Kirchengemeinde angehörten. Sängerinnen und Sänger aus dem gesamten Duisburger Stadtgebiet und dem Niederrhein schlossen sich an – Menschen, die weniger die Konfessionszugehörigkeit als die gemeinsame Freude an anspruchsvoller Chorliteratur verband.

So entwickelte sich die Kantorei zu einem echten Kulturbotschafter der Region. Konzerte wie die viel beachtete „Nacht der Chöre" zogen ein breites Publikum an und machten den Chor weit über Hamborn hinaus bekannt. Der Evangelische Kirchenkreis Duisburg sah in der Kantorei eine tragende Säule des gemeindeübergreifenden Kirchenlebens.

Denkmalschutz und Sanierung

Über die Musik hinaus war die Friedenskirche selbst stets schützenswert. Als das Gebäude um das Jahr 2000 in seinem Bestand gefährdet war, wurde eine grundlegende Sanierung notwendig. Das Gesamtvolumen der Maßnahmen belief sich auf knapp über zwei Millionen Euro – Mittel, die durch das Land Nordrhein-Westfalen und die Deutsche Stiftung Denkmalschutz wesentlich mitgetragen wurden. Das Ergebnis: Ein Gotteshaus, das seinen historischen Charakter bewahrte und für kommende Jahrzehnte gesichert wurde.

Ein Erbe, das klingt

Die Geschichte der Friedenskirche Hamborn und ihrer Kantorei ist untrennbar mit dem Schicksal eines Stadtteils verbunden, der wie kaum ein anderer den Auf- und Abschwung der deutschen Industriegeschichte verkörpert. Wo einst Tausende von Bergleuten und Stahlarbeitern in die Zeche fuhren, klangen Sonntagabends die Stimmen des Chores durch das Kirchenschiff.

Mehr als hundert Jahre lang war die Kantorei der Friedenskirche ein verlässlicher Ort der Begegnung, der musikalischen Exzellenz und der Gemeinschaft – ein Erbe, das in den Herzen derer weiterlebt, die ein Teil davon sein durften.