Hamborn – Kultur und Geschichte eines Duisburger Stadtteils
Wer Hamborn zum ersten Mal besucht, begegnet einem Duisburger Stadtteil mit einer außergewöhnlich dichten Geschichte – einer Geschichte, die von mittelalterlichen Klostergründungen über den Aufstieg zur Industriestadt bis hin zu lebendiger Gemeinschaftskultur reicht. Zwischen Hochofensilhouetten und grünen Parkflächen, zwischen Arbeitersiedlungen und Kirchturmspitzen zeigt Hamborn, wie vielschichtig das Ruhrgebiet ist – wenn man genau hinsieht.
Von der Abtei zur Großstadt: Die Geschichte Hamborns
Die Wurzeln Hamborns reichen weit zurück. Bereits um das Jahr 970 findet sich in einem Besitzverzeichnis der Abtei Werden eine Erwähnung eines Landstücks „iuxta Havenburnen" – ein früher Hinweis auf die Siedlung, aus der Hamborn entstehen sollte. 1136 wurde durch eine Schenkung eine Prämonstratenser-Propstei gegründet, die später zum Stift erhoben wurde. Dieses Stift prägte den Ort über Jahrhunderte und hinterließ religiöse und kulturelle Spuren, die bis heute sichtbar sind.
Der eigentliche Wendepunkt kam im 19. Jahrhundert. Mit dem Aufstieg der Stahl- und Zinkproduktion verwandelte sich der beschauliche Ort innerhalb weniger Jahrzehnte in eine Industriestadt. 1848 gründete der Unternehmer Friedrich Grillo in Neumühl ein Zinkwalzwerk – der Startschuss für eine rasante Expansion. Thyssen baute ab 1889 in Hamborn eines der bedeutendsten Hüttenwerke des Ruhrgebiets. Die Bevölkerung explodierte: 1911, als Hamborn offiziell das Stadtrecht erhielt, lebten dort bereits über 100.000 Menschen.
Dieser Zustrom kam von überall her – aus dem Osten Europas, aus dem deutschen Inland, aus armen Bergbauregionen. Menschen verschiedenster Herkunft fanden hier Arbeit, Unterkunft und, irgendwann, Heimat. 1929 wurde Hamborn schließlich nach Duisburg eingemeindet. Aus einer eigenständigen Großstadt war ein Stadtbezirk geworden – doch der eigene Charakter blieb.
Industriekultur als Erbe
Das Thyssen-Hüttenwerk, dessen ältester erhaltener Hochofen mit Gießhalle von 1928 noch heute steht, ist ein eindrückliches Denkmal dieser Epoche. Das Landschaftsverband Rheinland führt Duisburg-Hamborn als bedeutsamen Kulturlandschaftsbereich – eine Anerkennung für das, was die Industrialisierung hier hinterlassen hat: nicht nur Ruinen, sondern eine identitätsstiftende Topografie.
Die erhaltenen Arbeitersiedlungen, etwa an der Dieselstraße, erzählen von der sozialen Welt dieser Zeit. Reihenhäuser, die für Hüttenarbeiter gebaut wurden, stehen noch heute und sind bewohnt. Sie erinnern daran, dass hinter den Hochöfen Menschen lebten, die Gemeinschaften formten, Vereine gründeten, Kirchen bauten.
„Das rote Hamborn"
Nicht zufällig war Hamborn in der Weimarer Republik einer der Hochburgen der Arbeiterbewegung. Das Kultur- und Stadthistorische Museum Duisburg hat dieser politischen Geschichte eine eigene Ausstellung gewidmet: „Das rote Hamborn" beleuchtet den Widerstand gegen den Nationalsozialismus in den Jahren 1933 bis 1945. Auch das gehört zur Geschichte des Stadtteils – die Arbeitermilieus, die trotz staatlicher Unterdrückung Netzwerke des Widerstands aufrechterhielten.
Die Friedenskirche: Gemeinschaft im Wandel
Mitten in dieser Industriegeschichte entstand eine der prägendsten kulturellen Institutionen Hamborns: die evangelische Friedenskirche. Die Gemeinde gründete sich 1893 – in einer Zeit, als tausende Zuzügler eine geistliche Heimat suchten. Mit bemerkenswert bescheidenen Mitteln brachten die Gemeindemitglieder die Finanzierung auf: Bei einem Jahreshaushalt von gerade 3.500 Mark gelang es ihnen, die Kosten für einen Kirchenbau von 117.000 Mark zu stemmen.
Am 31. Oktober 1895 – dem Reformationstag – wurde der Grundstein gelegt. Nur zwei Jahre später, am 22. Juli 1897, war die Kirche fertiggestellt. Der Berliner Architekt Doflein entwarf ein Gebäude, das der preußisch-protestantischen Kirchbautheologie des 19. Jahrhunderts folgte: Kanzel und Altar sollten von jedem Platz aus gut sichtbar sein. Die Orgel lieferte die renommierte Orgelbauerfirma Wilhelm Sauer aus Frankfurt/Oder.
Die Kirche überstand die Jahrzehnte – nicht ohne Schäden. Ab dem Jahr 2000 war eine umfassende Sanierung notwendig, die am Ende knapp über zwei Millionen Euro kostete und durch Mittel des Landes Nordrhein-Westfalen sowie der Deutschen Stiftung Denkmalschutz ermöglicht wurde. Seit 2006 erstrahlt die Friedenskirche wieder in ihrer ursprünglichen Gestalt, wie die Stiftung zur Bewahrung kirchlicher Baudenkmäler in Deutschland dokumentiert.
Musik als Band zwischen Generationen
Zur Friedenskirche gehört untrennbar auch ihre Kantorei. Kirchenchöre sind in Deutschland eine der ältesten Formen organisierter Gemeinschaft – und in Hamborn füllte die Kantorei diese Rolle über viele Jahrzehnte hinaus. Konzerte wie die „Nacht der Chöre" zogen nicht nur Gemeindemitglieder an, sondern Menschen aus dem gesamten Raum Duisburg und dem Niederrhein. Chormusik schafft etwas, das industrielle Wandlungsprozesse alleine nicht leisten können: Sie verbindet Menschen über Herkunft, Alter und Milieu hinweg.
Das Evangelische Kirchenkreis Duisburg beschreibt, wie lebendig das Gemeindeleben in Hamborn trotz aller gesellschaftlichen Veränderungen geblieben ist. Und genau das ist das Bemerkenswerte an diesem Stadtteil: Er hat sich immer wieder neu erfunden, ohne seine Wurzeln zu verlieren.
Hamborn heute
Hamborn ist heute einer von sieben Stadtbezirken Duisburgs, mit rund 73.000 Einwohnern auf rund 20 Quadratkilometern. Die Stadtteile Alt-Hamborn, Marxloh, Obermarxloh, Neumühl und Röttgersbach sind sehr unterschiedlich – im Sozialstruktur, in der Bebauung, in der Geschichte. Marxloh etwa ist bekannt für seinen hohen Anteil an Einwandererfamilien und gilt als Symbol sowohl für die Herausforderungen als auch die Vitalität des Ruhrgebiets.
Grünflächen, der Botanische Garten, der Hamborer Stadtwald: Neben der industriellen Vergangenheit hat Hamborn auch eine ruhigere Seite. Wer durch die Straßen spaziert, stößt auf gut gepflegte Gründerzeitfassaden, auf Spielplätze in ehemaligen Zechensiedlungen, auf Kneipen, in denen noch Stammtische stattfinden.
Hamborn Duisburg Geschichte ist keine Geschichte von Glanz und Gloria. Es ist die Geschichte einer Gemeinschaft, die unter schwierigen Bedingungen etwas Dauerhaftes aufgebaut hat – Backsteinkirchen, Arbeitersiedlungen, Chöre. Und das verdient Aufmerksamkeit.